Die Normalität annehmen

Trotz aller offensichtlichen Missstände im Alltag der Bundesrepublik Deutschland lässt sich mit gebührender Distanz feststellen, das tatsächlich nicht alles an der Gegenwart schlecht ist. Oft genug entsteht durch die eigene digitale oder analoge Filterblase und den inhärenten confirmation bias der Verstandeskonstruktionen eine verfälschte und durch eigene Vorurteile beeinflusste Negativwahrnehmung. Aber die Gegenwart ist wie die Moderne als Ganzes ein hochgradig ambivalentes Phänomen. Durch Unvoreingenommenheit und Offenheit lassen sich neben den altbekannten Übeln wie Überfremdung, Pressehetze und dem um sich greifenden gesellschaftlichem Verfall noch genug übrige Lebensbereiche ausmachen, die mit der patriotischen Weltanschauung kompatibel sind und eine gute Abwechslung zu den „ernsteren“ Bereichen des politischen Aktivismus bieten.

Oft genug geht der Beginn der politische Betätigung auch mit einem neuen Lebenswandel einher. Zu Recht sind in der patriotischen Opposition Aktivitäten wie Wandern und Lesen, Aktivismus und Kampfsport oder die Beschäftigung mit der Deutschen Kultur weit verbreitet und nehmen den Platz von Videospielen, Feiern und Ausgehen ein. Da diese Tätigkeiten einen wesentlichen Bestandteil des authentischen Lebensgefühls der patriotischen Weltanschauung ausmachen, ist dies auch uneingeschränkt zu begrüßen.

Darüber hinaus ist es allerdings wichtig, den Anschluss an die Interessen und Freizeitgestaltung der breiten Bevölkerung und besonders der Jugend nicht zu verlieren. Durch das Anknüpfen an die Lebensrealität des Normalbürgers bewahrt sich der Einzelne und die gesamte oppositionelle Kultur einen „normalen“ Bezugsrahmen und entfremdet sich so nicht vom Volk. Deshalb sollten neben den genuin patriotisch-aktivistischen Tätigkeiten und der politischen Arbeit selbst, in Form von Wählergewinnung oder Vortragsveranstaltungen, patriotische Organisationen und ihre Mitglieder auch mehr oder weniger informell „normale“ Aktivitäten anbieten, wie das Ausgehen in Kneipen oder Clubs, das Treffen mit Leuten „nur mal so“ oder bei regionalen Festen und Feiern oder dem Nachgehen von gemeinsamen Interessen und Hobbies. Gerade in der Populärkultur finden sich viele der patriotischen Weltanschauung nahestehende oder mit ihr übereinstimmende Themen, zum Beispiel in beliebten Büchern, Spielen oder Filmen. So wird auch erneut deutlich, dass das Volk im Grunde noch gesund geblieben ist.

Das Einlassen auf solche vermeintlichen Übel der Gegenwart stellt aber nicht notwendig eine Kompromittierung der weltanschaulichen Entschlossenheit dar, solange die politische Arbeit selber nicht darunter leidet, sondern ist sogar ein guter Ausgleich zu den „ernsten“ Aspekten der politischen Tätigkeit und hat noch weitere Vorteile. Denn nicht jeder an Politik interessierte und um das Wohl des Deutschen Volkes besorgte Mensch hat das Zeug zum hundertprozentigen Vollzeitaktivisten. Deshalb sind solche „normalen“ Tätigkeiten auch besonders wichtig, um interessierte Menschen in Form eines lifestyle pull faktors dauerhaft an die Bewegung zu binden und decken so außerdem verschiedene gesellschaftliche Bereiche ab, was wiederum auch eine größere Bandbreite an potentiell erreichbaren Menschen bedeutet.

Der Vorwurf, diese Tätigkeiten seien von Grunde auf „degeneriert“, ist sicher bei einigen Exzessen der gegenwärtigen Feier- und Ausgehkultur zutreffend, aber in anderen Bereichen wiederum nicht. Wie so oft kommt es hier auf ein gesundes Maß an. Solche moralisierende Kritik soll aber oft auch nur die eigene sozialen Scheu oder Unumgänglichkeit kaschieren. Gerade Charisma und sozial geläufige Umgangsformen sollten aber wichtige Bestandteile der patriotischen Opposition sein, um anziehende und souveräne Persönlichkeiten zu gewinnen und zu entwickeln, die die patriotischen Ideen auch erfolgreich in die Bevölkerung tragen können.

Dagegen ist die bloße einseitige Beschäftigung mit Politik in Form von Nachrichten oder Lager-internen Neuigkeiten oft nur ein Suhlen in Negativität und Ereignissen, die der einzelne selber nicht beeinflussen kann. Dauerhafte schlechte Nachrichten können sogar zu einer hausgemachten Depression anwachsen und die Dauerbeschallung mit den neuesten Horrorgeschichten aus aller Welt dient mutmaßlich auch als Kontrollmechanismus, um über Lagergrenzen hinweg mit der künstlich induzierten Panik die Massen gefügig zu machen. Politischer Aktivismus oder auch nur das auf-dem-Laufenden-bleiben erfordert aber gar keine dauerhafte Aufmerksamkeit, sondern bloß das sporadische Konsumieren einiger weniger vertrauenswürdiger Nachrichtenquellen. Auch der politische Aktivismus ist meist auf einige wenige Tätigkeiten reduzierbar und lässt meist noch genügen Raum für „normale“ Aktivitäten. Damit bewahrt sich die patriotische Bewegung nicht nur eine größere politische Wirksamkeit über breitentaugliches Auftreten, sondern der Einzelne kann auch gelassener und entsprechend längerfristig die politische Arbeit Fortführen.