Wer sich in der Parteipolitik engagiert, muss über ein dickes Fell verfügen und hohe Frustrationstoleranz besitzen. Oft ist der Umgang mit den eigenen Parteikollegen belastender und fordernder als mit den unpolitisierten Zeitgenossen oder sogar dem politischen Gegner. Gerade die finanziellen Anreize im bundesdeutschen Parteisystem oder ein Voranstellen der eigenen Karriere können den ursprünglichen Idealismus leicht überlagern. Und selbst relativ geringe Unterschiede bei den Ansichten über politische Sachverhalte bieten das Potenzial für Krisen und parteiinterne Schlammschlachten. Dass auch das politische Spitzenpersonal von solchen Friktionen leider nicht ausgenommen ist, zeigt der Fall des zeitweise als „deutscher Trump“ gehypten Maximilian Krah.
Der Fall Krah
Die genauen Ereignisse der letzten Monate sollen an dieser Stelle nicht rekapituliert werden. Fest steht, dass sich Maximilan Krah durch seine wiederholten Äußerungen über die angebliche Undurchführbarkeit von Maßnahmen zur Remigration und durch persönliche Fehltritte als Hoffnungsträger und potentielle Galionsfigur der „stabileren“ Fraktion in der AfD und im Vorfeld erledigt hat. Diese Hoffnung wurde zeitweise unter anderem auch von diesem Blog geteilt. Ironischerweise könnte sich damit doch der Titel als „deutscher Trump“ als durchaus zutreffend erweisen, da auch dieser zuletzt ebenfalls durch Enttäuschung seiner Wählerbasis auffiel, etwa durch lasches Durchgreifen gegen illegale Einwanderer oder seinen militärischen Schlag gegen den Iran.
Die Suche nach einer Führungsfigur
Krah war auch deshalb ein Hoffnungsträger, weil er sich im EU-Wahlkampf 2024 mit einer innovativen Medienstrategie besonders an junge Wähler gewandt hatte und sich für den damaligen Erfolg in dieser Bevölkerungsgruppe mitverantwortlich zeigte. Im Vergleich zu anderen Spitzenpolitikern der AfD ist Krah auch verhältnismäßig charismatisch und gleichzeitig weltanschaulich gebildet, wie er mit seiner Buchveröffentlichung als „rechtem Manifest“ beweisen konnte. Trotzdem ist dieser gute Eindruck bis auf wenige Ausnahmen nahezu völlig verspielt. Ob die Ursachen hierfür in einem dem Konservatismus latent innewohnenden Unterordnen von Idealen unter das praktisch Machbare im Namen eines angeblichen „politischen Realismus“ zu suchen sind, oder im persönlichen Bereich, ist schwer nachvollziehbar.
Der Grund dafür, dass Krah für einige Zeit eine so hohe Meinung genießen konnte, liegt auch am psychologischen Bedürfnis, Hoffnungen und Wunschvorstellungen auf eine einzelne Person zu projizieren und sich dieser entsprechend unterzuordnen. Die Vorstellung, „große Männer“ würden die Geschichte machen und dass im Massenzeitalter der Moderne die Ära der „Cäsaren“ angebrochen sei, ist in der Rechten weit verbreitet. Beim Blick auf die deutsche Geschichte springen solche Beispiele auch schnell ins Auge und auch in der Nachkriegszeit finden sich die Namen einiger großer Nationalpopulisten, wie Jean-Marie le Pen oder Franz Schönhuber. Als Problem erweist sich nur immer wieder, solche „großen Männer“ in der Gegenwart auch ausfindig zu machen. Nachdem sich nun Krah so desavouiert hat, scheint es so, als ob das gegenwärtige Spitzenpersonal der AfD keine solche Projektionsfläche mehr bieten könne.
Die nächste Generation
Deshalb muss langfristig geplant werden. Zwar herrschen im Moment in der AfD die eher liberalkonservativ orientierten Abgeordneten mit ihrem Umfeld sowohl zahlenmäßig als auch kraft ihrer Machtpositionen vor, doch in der zweiten und dritten Reihe wächst eine junge Generation von Nachwuchspolitikern heran, die weltanschaulich gefestigt und im parteipolitischen Alltag erfahren ist. Robert Teske, Christoph Droeßler, Mathias Helferich, Jean-Pascal Hohm und Kevin Dorow, um nur einige zu nennen, haben ihre politische Karriere noch vor sich und sind in der Vergangenheit immer wieder mit treffenden Äußerungen in Reden und Stellungnahmen positiv aufgefallen und pflegen außerdem guten Kontakt zum patriotischen Vorfeld der Partei. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis allein aus Altersgründen ein Wachwechsel der jungen Generation gegen die Boomer stattfinden wird. Mit der Zeit, können sich so auch wieder hervorragende Einzelpersonen als potentielle Führungspersonen bis hin zu Spitzenkandidaten herauskristallisieren. Wichtiger noch, anstelle von einzelnen Charakteren, die zum Teil wankelmütig und unzuverlässig sind, bildet sich in der AfD eine ganze Reihe von zuverlässigen Abgeordneten samt ihres Umfelds heran, die bereit sind, die Zukunft der Partei zu gestalten.