Die Landvolkbewegung

In diesen Tagen mobilisieren die Bauern im gesamten bundesdeutschen Raum den Protest gegen die herrschende Ampelregierung. Obwohl dem Bauernstand das Vorurteil von Trägheit und Behäbigkeit in politischen Angelegenheiten anhaftet, besitzt der organisierte Protest der Bauernschaft in Deutschland historische Vorläufer. Schon im Mittelalter wehrten sich die Bauern unter ihrem Anführer Florian Geyer im Mittel- und süddeutschen Raum gegen feudale Ausbeutung und Unterdrückung. Und vor etwa 100 Jahren organisierten sich in Schleswig Holstein und ganz Norddeutschland Bauern, um gegen die Politik der Weimarer Republik Widerstand zu leisten.

Das Deutschland der Zwischenkriegszeit war von wirtschaftlicher Not und Entbehrungen geprägt. Die Hyperinflation und besonders der weltweite Börsencrash Ende der 20er Jahre belasteten alle Bevölkerungsschichten schwer und gingen auch an der Landwirtschaft nicht spurlos vorbei. Dagegen wurde die Regierungspolitik zur Bekämpfung dieser Missstände aber allgemein als nicht hilfreich empfunden. Im Gegenteil, fehlende Einfuhrbeschränkungen von billigen, landwirtschaftlichen Importgütern aus dem Ausland und die rücksichtslose Pfändung von insolventen Höfen verstärkten nur die Unzufriedenheit auf dem Land und verhärteten die Fronten. Aus dieser Notlage heraus organisierten die Bauern im Raum um Neumünster in Schleswig Holstein ab 1928 den Protest gegen die herrschenden Zustände.

Zu Beginn ihrer politischen Organisation führten die Bauern große Demonstrationen gegen die Pfändung von Eigentum wie Vieh oder landwirtschaftlichen Geräten der einzelnen Höfen durch. Als sich die wirtschaftliche Krise im Laufe des Jahres 1929 aber unverändert verschlimmerte und auch die Regierung weder willens noch fähig war, der Abwärtsentwicklung Einhalt zu gebieten, griffen die Landwirte neben den immer größer werdenden Versammlungen auch zu radikaleren Mitteln. Inzwischen war es auch zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen den Bauern und Polizeikräften gekommen, wie bei einer Versammlung im August 1929 in Neumünster, was die zugespitzte Lage noch weiter eskalieren ließ.

Als Anführer der Bewegung kristallisierten sich bald die Bauern Claus Heim aus Dithmarschen und Wilhelm Hankens heraus. Unter ihrer Führung führten einzelne Mitglieder der Bewegung aufsehenerregende Bombenattentate auf Verwaltungsgebäude durch. Zum Kreis der Angehörigen der Bewegung gehörten auch die beiden Brüder Ernst und Bruno von Salomon, die für die Bauernbewegung eine eigene, nationalrevolutionäre Zeitschrift beisteuerten. Aber da sich durch die direkten Aktionen keine Besserung der Lage erreichen lies und Claus Heim seit dem 1. September 1929 inhaftiert war, schwellte die eigene Aktivität der Bewegung seit 1931 kontinuierlich ab. Schließlich setzten die Bauern, wie viele andere Deutsche, ihre Hoffnungen in die erstarkende, nationalsozialistischen Bewegung, die sich den Anliegen der Bauern geschickt propagandistisch annahm.

Literarisch aufgearbeitet wurde die Geschichte der Landvolkbewegung unter anderem von Hans Fallada in seinem Roman „Bauern, Bonzen und Bomben“ und von Ernst von Salomon in „Die Stadt“. Das Symbol der Bewegung war eine schwarze Fahne mit roten Schwert und einem weißen Ackerpflug. Historisch sollte die Fahne auch an die mittelalterlichen Bauernkriege erinnern. Die durchaus nationale Gesinnung der Landvolkbewegung wurde durch die Farbkombination in schwarz-weiß-rot, den Farben des alten Kaiserreichs, deutlich.

Die schwarze Fahne mit Schwert und Ackerpflug wird auch heute noch von den Bauern in Schleswig Holstein als Symbol ihrer Eigenständigkeit und Wehrhaftigkeit benutzt und zeigt damit, dass der Bauernprotest nach wie vor lebendig ist.